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Doppelte Olympia-Premiere im Kugelstoßen

Leichtathletik - Vorinfo zu Rio

Gleich zwei Leichtathleten aus dem Land feiern bald Olympia-Premiere im Kugelstoßen: Lena Urbaniak (LG Filstal) und Tobias Dahm (VfL Sindelfingen).

Zu dritt saßen sie gestern mehr als sechs Stunden lang im Auto. Die Laune war bestens. Und trotz der langen Fahrt ging der Gesprächsstoff nicht aus, bis Lena Urbaniak, Tobias Dahm und Landestrainer Peter Salzer im Trainingslager der deutschen Leichtathleten in Kienbaum angekommen waren, westlich von Berlin fast an der polnischen Grenze. Hier beginnt für das Kugelstoß-Duo jetzt der olympische Countdown.

Während die erfahrenen Teamkollegen Christina Schwanitz und David Storl in Rio als große Mitfavoriten auf Gold gelten, stehen Lena Urbaniak und Tobias Dahm vor ihrer Olympia-Premiere. „Es ist ein unbeschreibliches Gefühl, pures Glück und Freude“, sagt Lena Urbaniak, die 23-Jährige aus Böhmenkirch, die für die LG Filstal startet, zu der auch die Leichtathleten ihres Heimatklubs TG Geislingen zählen.

Die A-Norm (17,75 Meter) hat sie bei der deutschen Meisterschaft als Zweite hinter Schwanitz mit neuer persönlicher Bestweite von 18,02 übertroffen. „Du arbeitest die ganze Zeit für diesen großen Traum, und wenn du die Nominierung schwarz auf weiß siehst, denkst du: Olympia! Das ist richtig cool, ein echtes Privileg“, sagt die Sportsoldatin und Management-Studentin. Olympia wird in der Öffentlichkeit anders wahrgenommen als eine WM oder EM. Ich bin stolz, dass ich dabei bin.“

Dazu kommt: Nach Christina Schwanitz, die 2008 in Peking (noch im Trikot des SV Neckarsulm) Elfte wurde, ist sie erst die zweite württembergische Kugelstoßerin, die es zu Sommerspielen geschafft hat. Tobias Dahm vom VfL Sindelfingen, ihr Trainingskollege am Olympiastützpunkt in Stuttgart, ist streng genommen sogar der erste aus dem Land. Denn ein gewisser Julius Wagner aus Reutlingen hat sich mit der Kugel lediglich bei den so genannten Olympischen Zwischenspielen 1906 in Athen versucht.

Im Gegensatz zu Lena Urbaniak musste 2,03-Meter-Riese Dahm bis zur letzten Sekunde um die Nominierung bangen. Denn die geforderte Norm von 20,50 hat der 29-Jährige noch nie übertroffen. Allerdings war er bei der EM in Amsterdam bis auf acht Zentimeter herangekommen und hatte in dieser Saison so konstant gut gestoßen, dass der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) ein Empfehlungsschreiben für ihn an den Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) geschickt und dabei auch die starke Leistungsentwicklung der vergangenen 15 Monate betont hat. Anfang Juni war dem eindrucksvollen Athleten aus Neuhengstett bei Calw dann auch im Freien der erste Stoß über 20 Meter gelungen. „Jetzt hat sich sogar mein Olympia-Traum erfüllt, ich kann es selbst noch gar nicht richtig glauben“, sagt Tobias Dahm.

Auch wenn sie mit unterschiedlichen Techniken in den Ring gehen, Lena Urbaniak als Drehstoßerin, Dahm als so genannter Angleiter, beim Training oder im Kraftraum sehen sie sich in Stuttgart fast jeden Tag. Und aktuell haben sie einen der glücklichsten Trainer vor sich: „Für Peter Salzer ist es eine großartige Bestätigung seiner Arbeit“, sagt Lena Urbaniak, die den „rabenschwarzen Tag“ bei der Europameisterschaft, als sie sich nicht fürs Finale qualifiziert hat, umso schneller abhaken konnte: „Ich schaue jetzt nur noch nach vorne. Das Finale in Rio zu erreichen, wird nicht leicht, aber das wäre natürlich der absolute Knaller. Ich werde jedenfalls die Atmosphäre aufsaugen.

Gleich am ersten Leichtathletik-Wettkampftag ist sie im riesigen Maracanastadion, wo die deutsche Nationalelf am 13. Juli 2014 im Finale gegen Argentiniern (1:0) Weltmeister geworden ist, im Einsatz. Vielleicht gelingt dann wieder eine Top-Leistung wie die 18,02 bei der deutschen Meisterschaft in Kassel. Nach schwieriger Saison mit Erkältungen, einem Magen-Darm-Virus und dadurch ziemlich durcheinandergeratenen Trainingsplänen hatte sie sich „mental ziemlich verrückt gemacht“, dann aber zusammen mit dem Trainer und mit DLV-Sportpsychologin Heidi Kugler mutig entschieden, in der Woche vor den deutschen Meisterschaften einfach mal die Kugel liegen zu lassen, „um den Kopf frei zu bekommen“. Das war genau der richtige Dreh zum Erfolg.

Zusatzinfo: Gewichtige Entscheidung      
Die Leichtathletik-Wettkämpfe in Rio werden erst in der zweiten Woche vom 12. bis zum 21. Aug. ausgetragen, die Kugelstoßerinnen mit der Vier-Kilo-Kugel sind gleich am ersten Tag an der Reihe, David Storl, Tobias Dahm und Co. mit der 7,26-Kilo-Kugel dann am Donnerstag, 18. August.

Bericht von WOLFGANG SCHEERER   |  19. Juli 2016 aus der Geislinger Zeitung