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Lena Urbaniak will ihre geringe Chance in Rio nutzen

Lena Urbaniak fliegt am Samstag zu den Olympischen Spielen nach Rio. Im Interview spricht sie über ihre Erwartungen.

Sind Sie froh, Leichtathletin zu sein und nicht etwa Schwimmerin? So müssen Sie erst jetzt anreisen, nachdem das Olympische Dorf einigermaßen auf Vordermann gebracht worden ist.

LENA URBANIAK: Ich habe da auch über die Medien einiges gehört. Leute, die schon vor Ort sind, haben aber über Social Media mittlerweile Entwarnung gegeben. Die Wohnungen dort sind zwar keine Luxus-Appartements, aber absolut bewohnbar.

Wie sehr haben Sie sich im Vorfeld der Olympischen Spiele mit dem Zika-Virus beschäftigt?

URBANIAK: Ich habe mich natürlich informiert, wie diese Mücke ist und was sie alles übertragen kann. Ich habe jetzt aber keine Bedenken, wir sind mit Anti-Mücken-Spray ausgerüstet.

Und Sie glauben, das reicht aus?

URBANIAK: Ich habe am Donnerstag im ARD-Morgenmagazin gehört, dass die Zahl der Infektionen deutlich zurückgegangen ist, weil in Brasilien jetzt der Winter begonnen hat.

Was man dort so Winter nennt ...

URBANIAK: Stimmt. Bei 25 bis 28 Grad Celsius lässt es sich aushalten. Ich fliege auf jeden Fall ohne Angst vor irgendwelchen Mücken dort runter.

Wie sehen Ihre Tage in Rio aus bis zum Beginn der Qualifikation am kommenden Freitag um 15 Uhr Mitteleuropäischer Sommerzeit (MESZ)? Gibt’s schon irgendwelche Pläne für Stadtrundfahrten?

URBANIAK: Nach meiner Ankunft muss ich erst mal das Organisatorische erledigen: Zimmer beziehen, Akkreditierung abholen, Wege anschauen. Ich will gleich herausfinden, wo die Mensa liegt und wo der Kraftraum.

Für Sightseeing bleibt wohl keine Zeit?

URBANIAK: Vor der Quali sicher nicht. Ich muss mich erst akklimatisieren und an die Luftfeuchtigkeit gewöhnen, werde zudem sicher zwei bis drei Mal trainieren. Nach den Wettkämpfen ist aber noch Zeit genug, um Rio anzuschauen. Ich komme ja erst am 23. August zurück.

Wen würden Sie im Olympischen Dorf gerne treffen?

URBANIAK: Da gibt es niemand Spezifischen, den ich kennen lernen will. Die Atmosphäre, die in der Mensa herrscht, das Große und Ganze ist das Besondere.

Gibt’s wirklich keine Sportler oder Sportlerinnen, mit denen Sie schon immer mal einen Kaffee trinken wollten?

URBANIAK: Lassen Sie mich überlegen ..., nee, da fällt mir keiner ein. Schön wäre es, einen Sportler zu treffen, der schon mehrere Olympische Spiele mitgemacht hat. Der hätte sicher viel zu erzählen.

Mit Ausnahme Ihrer Bestleistung von 18,02 Metern bei der DM in Kassel, mit der Sie sich für Rio qualifiziert haben, läuft’s in dieser Saison noch nicht wirklich rund.

URBANIAK: Das kann man wohl sagen. Aber das hat Gründe. Seit April habe ich kein Training konsequent durchziehen können, weil immer irgendwelche Wehwehchen dazwischen kamen. Mir fehlen relativ viele Technik-Einheiten, das macht sich bemerkbar. Wenn der stetige Aufbau fehlt, ist es schwer, konstant Topleistungen abzurufen.

Wie sehr wirkt Ihre verpatzte Qualifikation bei der Europameisterschaft in Amsterdam Mitte Juli noch nach?

URBANIAK: Überhaupt nicht, das ist komplett abgehakt. Ich habe da einfach einen rabenschwarzen Tag erwischt, einen jener Tage, an denen man am besten im Bett geblieben wäre. Aber das belastet mich nicht mehr.

Wie groß ist die Chance, dass Sie in Rio die Quali überstehen und das Finale der besten Zwölf erreichen?

URBANIAK: Ich hoffe es sehr, es wird aber brutal schwer. Olympische Spiele sind etwas Besonderes, darauf hat sich jeder spezifisch vorbereitet. Es wäre ein Hammer, wenn ich es schaffe. Es wird ein ganz harter Brocken, aber man muss einfach dran glauben.

Wie sehr hilft es Ihnen, dass die Russinnen fehlen?

URBANIAK: Geringfügig. Ich stehe mit meinen 18,02 Metern auf Platz 31 der Welt-Jahresbestenliste, zwei vor mir stehende Russinnen fallen weg. Dann starte ich immer noch nur auf Position 29.

Sie werden schon in der Qualifikation Ihre Bestleistung steigern müssen.

URBANIAK: Ziemlich sicher. Es gibt vier Frauen, die über 20 Meter stoßen. Dahinter kommen fünf bis zehn, die konstant für 18,70 bis 19,50 Meter gut sind. Dahinter kommen ganz viele zwischen 18 und 18,50 Meter, da entscheidet die Tagesform. Nicht jeder hat jeden Tag einen Supertag. Ich brauche am Freitag einen, das steht fest.

Hätten Sie es wie manche Ihrer Kollegen ebenfalls gerne gesehen, dass gar keine russischen Sportler für Rio zugelassen worden wären?

URBANIAK: Man kann es nicht pauschalisieren und nur auf die Russen fixieren. Erwiesene Doper sollen auf gar keinen Fall dabei sein. Es tut mir aber leid für die russischen Sportler, die nicht gedopt haben. Ich bin auch nicht gut genug informiert, um mir darüber ein Urteil erlauben zu können. Ich bin froh, dass ich das nicht entscheiden muss. Das ist die Aufgabe Anderer.

Das Entscheidende für Sie passiert am kommenden Freitag. Da kann es sein, dass Sie Bestleistung stoßen und das Finale trotzdem verpassen.

URBANIAK: Dann kann ich das Stadion mit einem strahlenden Lächeln verlassen und sagen: Ich war dabei und bin stolz auf meine Leistung.

Zusatzinfo - Zur Person:
Lena Urbaniak von der LG Filstal nimmt zum ersten Mal an Olympischen Spielen teil. Die 23-jährige Böhmenkircherin fliegt am Samstagabend über Stuttgart und Frankfurt nach Rio, wo am kommenden Freitag um 15 Uhr (MESZ) die Qualifikation für das Finale der besten Zwölf beginnt, das um 3 Uhr in der Nacht zum Samstag startet. Ihr bestes internationales Ergebnis war der achte Platz bei der Europameisterschaft 2014 in Zürich.

Interview von THOMAS FRIEDRICH   |  6. August 2016 aus der Geislinger Zeitung