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Lena Urbaniak: Ihre Erlebnisse bei der Olympiade in Rio

Am Dienstag kehrte Kugelstoßerin Lena Urbaniak von den Olympischen Spielen zurück. Im GZ-Interview spricht sie über ihre Erlebnisse in Rio.

Sie sind am Dienstag in Frankfurt gelandet. Dort haben Sie sicher noch den Empfang für die deutsche Olympia-Mannschaft mitgenommen.

LENA URBANIAK: Nein. Ich hatte das Glück, einen Nachtflug zu erwischen und war schon zu Hause, als der Empfang begann. Sonst hätte ich in Frankfurt vier Stunden warten müssen. Ich war insgesamt 17 Tage weg, da freut man sich einfach, die Familie wiederzusehen.

Sportlich haben Sie keine guten Erinnerungen an Rio, das gilt für das gesamte deutsche Kugelstoßteam. Haben Sie sich gegenseitig trösten müssen?

Am Anfang war schon kollektives Frustschieben, wir haben es aber nach und nach hinbekommen. Wir waren zusammen beim Beach-Volleyball an der Copacabana, und zogen uns irgendwie gemeinsam aus dem emotionalen Sumpf.

Haben Sie eine Ahnung, warum es bei allen deutschen Kugelstoßern überhaupt nicht lief?

Nein, wir können es uns selbst nicht erklären. Bei den Jüngeren, die zum ersten Mal bei Olympia waren, könnte man noch die fehlende Erfahrung als Erklärung nehmen. Da war das Olympische Dorf mit 10.000 Bewohnern, dazu Hygiene und Ernährung, die wir so nicht gewohnt waren. Da ist schon einiges auf uns eingeprasselt.

Wie war es denn mit dem Essen? Darüber hörte man ja höchst unterschiedliche Ansichten von den Athleten.

Man hat schon was gefunden, das schmeckt. Vieles war aber sehr gewöhnungsbedürftig.

Es gab ja eine Unzahl von Ausgabestellen.

Kann man wohl sagen. Es waren sicher mehr als 50, man musste oft durch die halbe Mensa irren. Als ich die zum ersten Mal betreten habe, hat’s mich total erschlagen: Das Ding ist so riesig, da passen locker fünf oder sechs Fußballfelder rein.

Aber als Sie erst mal eine Stelle gefunden hatten, an der das Essen schmeckte, war doch alles gut, oder?

Eben nicht. Wenn es an der einen Ausgabestelle heute geschmeckt hat, konnte es morgen dort fürchterlich gewesen sein, und umgekehrt. Man musste jeden Tag neu auf die Suche gehen. Das hat immer gut eine Viertelstunde gedauert.

Wie haben Sie denn den für Sie idealen Stand jeweils gefunden? Überall Probe gegessen?

Reis gab’s überall, da konnte man nichts falsch machen. Fleisch und Fisch habe ich wenig genommen. Hat es geschmeckt, holte ich Nachschlag. Wenn nicht, musste ich es entsorgen und mein Glück an der nächsten Ausgabestelle probieren.

Auch über die hygienischen Bedingungen im Olympischen Dorf hörte man von Athleten viel Gruseliges.

Wir haben ja schon unsere eigenen Müllsäcke mitgebracht. Am Anfang wurden noch unregelmäßig die Zimmer geputzt, in den letzten sechs Tagen haben wir keine Putzfrau mehr gesehen. Wenn man zu sechst in einem Appartement lebt, sollte schon hin und wieder mal gewischt werden.

Selbst ist die Frau?

Zum Glück lebt jede von uns in einem Haushalt und weiß sich zu helfen. Wir haben uns zum Beispiel aus dem Fitnessraum frische Handtücher besorgt, bei uns gab’s ja keine mehr.

Was waren denn Ihre schönen Erlebnisse in Rio?

Da gab’s einige. Das Beachvolleyball-Viertelfinale mit Laura Ludwig und Kira Walkenhorst an der Copacabana war toll. Auf der Mittelplattform des Zuckerhuts hatten wir eine traumhafte Aussicht. Klasse war auch die Stimmung im Stadion. Die war zwar nicht immer fair. Aber wenn die Leute mal in Wallung waren, ging es richtig ab. Als Mo Farrah die 10.000 Meter gewann, stand das ganze Stadion. Insgesamt waren es so viele Eindrücke, da braucht man einige Zeit, bis man alle verarbeitet hat. Ich bin gerade noch dabei.

In vier Jahren in Tokio gibt’s andere Erlebnisse.

Die Aufführung der Japaner bei der Abschlussveranstaltung lässt auf einiges hoffen. Es werden ganz andere Spiele sein. Rio ist eine Millionen-Stadt, die man nicht kontrollieren kann. Sicher kein idealer Standort für Olympische Spiele. In Tokio geht’s bestimmt strukturierter zu.

Bis dahin sind’s noch ein paar Jährchen. Was steht in dieser Saison noch an?

Am Sonntag starte ich bei einem Meeting in Warschau, am kommenden Freitag in Thum im Erzgebirge und am Samstag beim ISTAF in Berlin. Danach ist endlich Erholung angesagt.

Zusatzinfo - Zur Person:
Lena Urbaniak von der LG Filstal nahm zum ersten Mal an Olympischen Spielen teil. In der Kugelstoß-Qualifikation scheiterte die 23-jährige Böhmenkircherin mit für sie schwachen 16,32 Metern und verpasste als 30. das erhoffte Finale der besten Zwölf deutlich. Auch die anderen deutschen Stoßer enttäuschten. Die EM-Achte von 2014 blieb nach ihrem Wettkampf noch im Olympischen Dorf in Rio.

Interview von THOMAS FRIEDRICH   |  27. August 2016 aus der Geislinger Zeitung