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Lena Urbaniak und der geplatzte WM-Traum

Deutsche Meisterschaften in Erfurt / WM-Qualifikation

Der WM-Traum von Lena Urbaniak ist geplatzt. Bei der DM in Erfurt war die Kugelstoßerin weit von ihrer Normalform entfernt. Vor allem eine mentale Geschichte, wie sie erklärt.

Nein, es war nicht der Tag und es war nicht die Saison der Lena Urbaniak. Bei den nationalen Titelkämpfen der Leichtathleten in Erfurt blieb die Kugelstoßerin der LG Filstal als Vierte ohne Medaille und – was aus Sicht einer Spitzenathletin noch schwerer wiegt – vergab die letzte Chance aufs WM-Ticket nach London. 18 Meter hätte Urbaniak knacken müssen, in Thüringens Kapitale landete ihre Kugel bei 16,68 und damit fast einen Meter unter ihrem Saisonbestwert von 17,61 Meter. Mit dieser Weite hatte die 24-Jährige Ende Mai beim Meeting in Rechberghausen an der WM-Norm gekratzt.

Am Tag danach ist Urbaniak zwar geknickt, aber dennoch weit davon entfernt, nun gleich in eine Sinnkrise zu stürzen, wie es bei Athletinnen ihrer Klasse schnell mal der Fall ist. „Einerseits bin ich natürlich enttäuscht“, sagt Urbaniak, „andererseits ist aber auch eine große Last von mir abgefallen. Denn nun habe ich die Gewissheit, dass es eben nicht mit der WM geklappt hat“.

Die Böhmenkircherin geht dabei ganz offen mit ihrer Situation um. Eine schwere Erkrankung in ihrem privaten Umfeld habe zuletzt für viel seelischen Ballast gesorgt, habe den Kopf blockiert und sich damit zwangsläufig auf die sportliche Leistung ausgewirkt. Fünfmal prangte in Erfurt das X in der Wertung, fünf ungültige Versuche, erst der letzte passte. „Ich habe bei dem Wettkampf versucht, nochmal alles reinzupacken. Aber wenn der Kopf nicht mitspielt, wird’s schwierig.“ Dessen ungeachtet habe die Erfahrung der jüngsten Zeit bei ihr die Erkenntnis reifen lassen: „Es gibt wichtigere Dinge im Leben als den Leistungssport.“

Wie es nun weitergeht, lässt Urbaniak so kurz nach der DM, so kurz nach der verpassten WM-Qualifikation offen. „Im Spitzensport ist man eine Nummer, eine Zahl, eine Weite. Man wird permanent daran gemessen. Kaum jemand hinterfragt, warum eine Saison so läuft, wie sie läuft“, sagt die ehemalige Junioren-Weltmeisterin. In einer Kurzschlussreak- tion die eigene Karriere in Frage zu stellen, das werde es aber nicht geben, versichert sie. „Ich bin jemand, der grundsätzlich von Jahr zu Jahr entscheidet, wie es weitergeht“, erklärt Urbaniak, „ich freu’ mich jetzt erstmal noch auf meine beiden letzten Wettkämpfe – und dabei natürlich vor allem auf das anstehende Kugelstoß-Meeting in Böhmenkirch“. Danach werde sie sich Zeit nehmen, um zur Ruhe zu kommen, die Saison sacken zu lassen, zu reflektieren, zu verarbeiten.

Wobei ein Rückschlag, eine Karrieredelle für eine nach den Maßstäben ihrer Disziplin junge Athletin durchaus mal dazugehört. Den Zenit ihrer Leistungsfähigkeit erreichen Kugelstoßer etwa ab einem Alter von 28 Jahren. Auch Christina Schwanitz (31), Deutschlands Top-Kugelstoßerin, die im Moment Baby-Pause macht, stieß erst in diesem Alter in die Weltspitze vor.

Doch fehlt Schwanitz am Ende gar der Konkurrenz als Motivatorin, als Athletin, die die Jüngeren mit ihrer Leistung nach oben zieht? Schließlich hat sich von der Riege der deutschen Kugelstoßerinnen allein die Leipzigerin Sara Gambetta für London qualifziert, ihre Saisonbestweite liegt bei 18,14 m. In Erfurt reichte ihr nun ein Stößchen auf 17,38 m, um sich ihren ersten nationalen Titel zu holen.

„Das waren in Erfurt von vorn bis hinten durchwachsene Leistungen“, sagt Urbaniak. Wobei sie als Ursache weniger den fehlenden Druck durch Schwanitz sieht, sondern vielmehr die Nachwehen des Olympiajahres. „Man unterschätzt die Anspannung, die nach einem olympischen Jahr von einem abfällt“, sagt die 24-Jährige, die 2016 selbst die deutschen Farben in Rio vertreten hatte: „Die einen können gut mit einer solchen Situation umgehen, die anderen tun sich schwer damit.“ In einer Disziplin, in der sich die nationale Spitze auf nicht einmal ein Dutzend Athletinnen beschränkt – in Erfurt war ein Achterfeld am Start –, durchaus eine Hypothek. Zumal, „im Kugelstoßen vielleicht auch ein bisschen viel gegeneinander gearbeitet wird“.

Trotz aller drückender Gedanken: Die Freude auf ihren Saisonabschluss, ihr Heimspiel, das Kugelstoß-Meeting am 28. Juli in Böhmenkirch, will sich Urbaniak auf keinen Fall vermiesen lassen. Dort gibt es dann auch ein Wiedersehen mit Gambetta und Josephine Terlecki (Halle), der Silber-Gewinnerin von Erfurt. „Ich freu mich riesig drauf. Das erste Meeting vor zwei Jahren war unglaublich. Da ging alles so familiär zu, die Leute sind unglaublich nah dran am Geschehen. Und der Wettbewerb ist wieder topbesetzt“, sagt Urbaniak, „da erleben eben die Zuschauer und die Athleten ganz direkt, was unseren tollen Sport ausmacht“.

Bericht von JOCHEN WEISS  |  11. Juli 2017
aus der Geislinger Zeitung   SÜDWEST AKTIV